Badetag beim Augenarzt

 


Man glaubt gar nicht, was alles so schiefgehen kann …
 
Bei uns normal: Sommerwetter = Freibad ZU. Da können sich die Kinder am Maschendrahtzaun Rollbratenmuster ins Gesicht drücken, da zucken die Sesselpupser nur die verschwitzten Achseln. Aber pünktlich zum tagelangen Unwetter = Freibad quasi rund um die Uhr geöffnet! Wenn Sesselpupser kichern, lassen die doch bestimmt auch ganz viele kleine Fürze fahren, oder? (Was einem halt so Fragen durch den Kopf scheißen – äh, schießen …)
 
Auf der anderen Seite find ich es immer erstaunlich, dass so ein Freibad bei Regenfall wirklich ratzekahl leer bleibt. Wenn schon der Rest im Chlorsumpf eingelegt ist, soll wenigstens der Kopf nicht nass werden? *grübel* Aber es gibt ja auch Menschen, die schwimmen richtig, so mit Kopf unter Wasser und Luftblasen aus der Nase pusten und auf und … *äääch-hust-hust-HUST* Okay, ich wollte jetzt nicht von mir berichten, ich trink immer das halbe Becken aus …
 
Na ja, lassen wir die anderen, kommen wir dann doch zu mir: Ich war im Regen schwimmen. Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass der ganztägigen Schlechtwetteröffnung zumindest vier Euro Einnahmen entgegengesetzt werden können. Ist auch ehrlich angenehm, wenn keine Kinder vom Seitenrand auf einen draufspringen oder man von fiesen Weltmeisterschwimmeropas weggedöppt wird.
 
Und dann geschah es! Das Gummi ist geplatzt! Also das von meiner Taucherbrille. Wassereinbruch linkes Auge AAAAH!!! Einseitige Blindheit, Panik, tiefe Seite, kein Boden unterm Fuß, gluck, kräfter Schluck, brräääääh … Hundepaddel Beckenrand.
Es ist klar, dass man so nicht anständig schwimmen kann – also noch unanständiger, als ich ohnehin schon da rumplansche. Also das Gummiband knoten und: ZWILLLLL!!! Ich hab mir die Taucherbrille ins Auge geschnackt!!! Schmerz!!! Moment, ich bin Indianer: KEIN SCHMERZ!!!
 
Zu Hause wurden mir dann die Augen geöffnet, was der Schmerz, der keiner war, tatsächlich bedeutete. Ich hab mir ein Hörnchen auf die Netzhaut gehauen. Da war gleich neben der Iris (meine eigene, nicht die Mutter von der Katzenberger) eine fingernagelgroße Qualle auf dem Augapfel. GRUSEL!!! HORROR!!! GROSSALARM!!!
 
Nein, natürlich nicht. Ich hab vernünftig hin und her überlegt, ob ich mir den Tag wirklich mit nem Arztbesuch versauen soll. Und mich dann leider fürs Versaute entschieden.
 
Die Augenklinik ist der eigentliche Horror. Man sagte mir, ich solle erst mal eine Stunde spazieren gehen, weil die Wartezeit leicht erhöhte Temperatur hat. Dass die Situation in Wahrheit den Siedepunkt überschritten hatte, das sagt einem natürlich niemand. Nach der Stunde Zeittotschlag musste ich nur noch weitere 2,5 Stunden warten. Bis der Arzt mir nach insgesamt vier Stunden meines Lebens endlich bestätigte „Sie sind ja vielleicht blöd!“, gab es so allerhand zu sehen.
 
Eine alte Frau hat das Wartezimmer durch ihre ständige Nörgelei demoralisiert. „Ich sitz schon seit 14 Uhr hier, ob ich wohl bis 20 Uhr drankomme? Das gibt’s doch nicht! Das ist eine Unverschämtheit, ist das!“ Es war interessant zu sehen, wie sie nach und nach die Leute zur Aufgabe gebracht hat.
Ein wohl etwas angetrunkener Typ hat vorn am Empfang Rabatz gemacht. „Ich warte schon lange ohne was zu trinken!“ Ihm wurde mehrfach der Weg zum Wasserspender gewiesen. Aber er wollte offenbar kein Wasser. Leider hatten die Arzthelferinnen keine Zapfanlage hinterm Tresen.
Die Wut kommt in Wellen, das hab ich nun herausgefunden. Immer, wenn sich die Lage entspannt hat, musste einer der Anwesenden einen Kommentar ablassen. Und wenn es nur ein laaaanges Seufzen war. Dann ging es los, die Lage schaukelte sich hoch und … Ich hab echt noch nie in einem Wartezimmer gesessen, wo ständig irgendwer rumgebrüllt hat. Kommt vielleicht hier so nicht rüber, aber SCHEISSE NOCH MAL: ICH BEVORZUGE DIE leisen Töne!!! *nick*
Dann wurde die Nörgeloma zur tolwütigen Randalerentnerin. Kläffend rannte sie durch die Gänge und bellte ihren Frust hinaus. In ihrem Sog ließen sich einige andere Wartenden dazu mitreißen, ebenfalls auf die Barrikaden zu gehen. Der Tumult spülte wiederum zartbesaitete Patienten aus der Praxis, die einfach nur noch die Flucht ergreifen wollten.
Schließlich kein wütendes Geschrei, sondern panisches: Der ausgetrocknete Rabatzmann lag mit einem Krampfanfall auf dem Boden. Die Arzthelferinnen überfordert. Der Augenarzt am brüllen. Notfalltasche. Notarzt. Tatütataaa …
Ich glaube, sie haben alle bereut, den Krampfanfallalkoholiker aufzuwecken. Der hat nämlich erst leise gebrabbelt und dann umso lauter gebrüllt. „Sechs Stunden! Ohne trinken! Ich verklage alle, die hier anwesend sind!“ Die Notärzte hatten Mühe, ihn zu bändigen. Blutdruck wurde allen im Umkreis mitgeteilt: 195 zu 120. Aber der Typ wollte nicht ins Krankenhaus, er wollte seine Familie anrufen, die herkommen und alles zu Kleinholz schlagen sollte.
Die Nörgeloma war eigentlich als nächstes dran, hat sich aber mit ihrem Palaver selbst psychisch total in den Boden genörgelt. Anstatt die zehn Minuten noch zu warten, hat sie nach vier Stunden Wartezeit tatsächlich aufgegeben.
„Wir haben Ihnen Wasser angeboten und Kekse!“ – „NEEEIIIN!!! KEINE KEKSE!!! BILDZEITUNG!!! KLAAAGEEE!!!“ Abritt Wutoholiker. Also nicht verstorben, sondern von vier gestressten Nothelfern die Treppe runtergetragen, damit er unten freigelassen werden konnte. Was ein Blutdruck!
Logisch, dass sich der arme Arzt erst mal von dem Schock erholen musste. Es hat eine weitere Ewigkeit gedauert. Die Arzthelferinnen haben vorne völlig aufgebracht gelästert. Und irgendwann kam die Rede auf den stillen Beobachter – mich! „Ach, der Arme, der ist so lieb, frag den mal, ob er Kekse will …“ Tja, da hätte sich der Krampfanfall mal was von mir abschauen können. Wenn das Wartezimmer voll ist, schön unsichtbar machen, einfach geduldig alles ertragen, das innere Notizbuch gezückt und vollgeschrieben. Während es die anderen dahinrafft oder sie andere und sich selbst fertig machen, rückt man nach und nach automatisch die Warteplatzleiter rauf. Und am Ende bekommt man noch Kekse. Fortgeschrittene können dann auch noch einen Perspektivwechsel vornehmen. Man muss sich nur mal vorstellen, wie sich so ein Katastrophentag für Arzt und Helfer anfühlen muss. Da kann man dann ein Lächeln spenden oder einen lockeren Spruch bringen. Die Menschen sind echt dankbar, wenn man ihnen einen Sonnenstrahl durch die dunkelste Finsternis des Horrorwartezimmers zukommen lässt. Und als Belohnung: NOCH MEHR KEEEKSEEE!!!
 
Mit dem Auge ist nix Schlimmes. Nur mal fürs Protokoll, da ich ja weiß, dass manche längst darauf warten, dass ich mich mit meiner Ungeschicktheit mal selbst dahinraffe … Dafür hatte die Apotheke dann um 21 Uhr natürlich zu, sodass ich keine Salbe bekommen hab.
 
Am nächsten Tag wollte ich dann die Salbe abholen, hatte aber kein Bargeld. Kartenzahlung erst ab 10 Euro. Also bin ich zum Automaten. Karte wurde nicht akzeptiert. Also zum nächsten Automaten. Karte wurde nicht akzeptiert. Also zum Penny, weil man da auch Bargeld abholen kann bei einem Einkauf. Karte ging nicht. Kein Geld, keine Salbe. Heute teilt mir mein Karteninstitut mit, dass sie mir eine neue Karte schicken, weil wohl der Magnetstreifen defekt ist. Dauert eine Woche. Dem Auge geht es ja inzwischen wieder ganz gut. Die Augapfelqualle ist verschwunden und ich hab kein Gewitter im Sichtfeld, wovor mich der Arzt gewarnt hat.
Also was mache ich? Es regnet! Ich geh ins Freibad und nehm mich vor der Schwimmbrille in Acht …

 

1 Kommentar zu „Badetag beim Augenarzt“

  • Emma:

    Danke für den ausführlichen Artikel. Eine Freundin war auch gerade erst beim Augenarzt, weil sie ihren Führerschein machen wollte. Es stellte sich heraus, dass sie dringend eine Brille benötigte.

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