Von halben Gläsern

 


Heute will ich mal erklären, wie das meiner Meinung nach mit dem Süchtigwerden so funktioniert. Allgemein hab ich da jahrelange Erfahrung. Aktuell bin ich noch immer ein bisschen süchtig nach Packmaterial. Ich finde Verpackungschips einfach total geil. Oder Luftpolsterfolie! Boah, ich hör besser auf …
 
Als Stoff suche ich mir mal Kaffee aus. Das können wahrscheinlich ein paar Leute mehr nachvollziehen. Ist ja bei vielen so, dass ohne Kaffe der Motor überhaupt nicht mehr in Schwung kommt. Ich glaub, ohne die schwarze Bohne bekämen einige Leute morgens die braune Bohne nicht gelegt.
 
Aber bevor wir jetzt deutlicher in die Intimzone hinabgleiten, bleiben wir eine Etage darüber – konkret: bei der Einwurfmenge.
 
Anfangs hab ich mir jeden Morgen einen Becher Kaffee gemacht. Echte Kaffeetrinker schütteln natürlich den Kopf, wenn ich jetzt erkläre, dass mein Kaffee damals etwa zu einem Drittel aus Kaffee und zu zwei Dritteln aus Milch bestand. Das war für mich schon die Krönung.
 
Mit der Zeit hat sich dann der Milchanteil reduziert, bis nur noch ein Schuss reinkam. Die meisten Menschen würden das als echten Kaffee durchgehen lassen.
Das hat aber ein bisschen gedauert, bis es so weit war.
Bei jedem Mal aufgießen hab ich einen ganz kleinen Schluck mehr Wasser reingegossen. Der Pegel ist also unbemerkt Stückchen für Schlückchen gestiegen. Und mein Augenmaß ist mitgewachsen. Zwischendurch war mir schon ab und an klar, dass ich hier und da mal für meine Verhältnisse zu viel reingekippt hab. Das fiel vor allem auf, wenn ich später den Kaffee ins Glas umgegossen habe und plötzlich nicht mehr die zwei Drittel Milch reinpassten, weil schon zwei Drittel Kaffee drin waren. Jawohl, liebe Leute, ich hab also ernsthaft versucht, vier Drittel in ein ganzes Glas zu bekommen!
 
Der erste Schritt, das Problem anzugehen, war: Milchreduktion, logisch. Mein Kaffee ist mit der Zeit also von weiß über dunkelweiß und hellbraun zu kaffeebraun übergegangen. Irgendwann hatte ich echt die Panik in den Augen, dass ich quasi über Nacht von dunklerem Kaffeebraun auf Schwarz fallen könnte. Und da hatte ich dann die schwarzen Zähne von meiner Koffeinjunkie-Omma im Kopf. Also wenn man schon Kaffee trinken will, dann sollte man sich eine möglichst helle Farbe aussuchen, damit die Zähne im Schwarzlicht noch leuchten können. Gesellschaftlich sind ja mittlere Beigetöne in Sachen Gebisstapete noch gerade so akzeptiert.
 
Um dieser Gefahr zu begegnen, fing ich an, die zwei Drittel von einem Glas auf zwei Gläser aufzuteilen. Da passte dann alles wieder, weil ja insgesamt sechs Sechstel zur Verfügung standen.
Schon plagte mich aber eine neue Sorge: Ich hatte mich ja jetzt schon an die reduzierte Milchzufuhr gewöhnt. Wollte ich wirklich den Milchanteil von einem auf den anderen Tag gleich vervierfachen? Nee, lieber nicht.
Ergebnis: Ich hatte zwei ganze Gläser mit jeweils einem Drittel Kaffee, einem Drittel Milch und einem Drittel Platz.
 
Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, dass halbe Gläser, ob sie nun halb voll oder halb leer sind, nicht gerade beruhigend wirken. Entsprechend hat sich dann nach obigem Muster der Kaffeeanteil recht flott erhöht, sodass ich aus einem Becher Kaffee täglich zwei gemacht habe.
 
Damit bin ich sehr, sehr lange gut gefahren – etwa zwei Wochen. Dann nämlich hatte mein Freund Urlaub. Und was er mir bis dato verschwiegen hatte: Er hat auf der Arbeit heimlich das Kaffeetrinken angefangen. Aber so ganz von kleinauf. Ein Mockatässchen mit Milchkaffee. Quasi die Einstiegsdroge für Nerds.
 
Es kam wie es kommen musste: »Duuhuu? Darf ich ein Glas von deinem Kaffee haben?«
Da hab ich aber wie ein Wachhund zurückgekläfft: »Nein-nein! NEIN!«
 
Weil ich allerdings noch ein bisschen Guthaben auf dem Sei-nett-Konto hatte, hab ich ihm knurrend nen Schluck abgegeben. Ein einschneidendes Erlebnis! Das sollte mir nicht noch mal passieren.
Ist übrigens immer so, dass Leute nichts haben wollen, wenn man sie fragt, dann aber gierig fragen, wenn man ihnen tatsächlich nichts mitbringt.
Im Ergebnis hab ich ab sofort zwei Becher Kaffee für mich und einen halben Becker für ihn gemacht.
 
Es kam wieder wie es kommen musste: »Duuhuu? Der schmeckt aber nicht so wie auf der Arbeit, wo man nur einen Knopf drücken muss und dann ist mit Milch und Zucker alles fertig.«
»Na, dann geh doch mal in die Küche und such den Knopf für Kaffee mit Milch und Zucker. Sag mir, wenn du ihn gefunden hast.«
»Ach nee, wenn ich selbst was tun muss, dann schmeckt das ja noch weniger. Ich hör auf mit Kaffeetrinken.«
 
Da war es wieder: Das halbe Glas!

 

1 Kommentar zu „Von halben Gläsern“

  • […] Und was soll ich sagen? Ich bin jetzt tatsächlich fast erwachsen, was den Kaffeekonsum angeht. An Omma komm ich noch nicht ran, die hat nämlich am Tag zwei bis drei ganze Kannen weggesoffen. Ihr Minnimum lag bei zehn Tassen. Jetzt wundert sich wohl auch niemand mehr, weshalb ich meine Kaffeekarriere gleich mit dem Minimum starten wollte. Dachte halt, das ist normal.   Inzwischen trinke ich morgens etwa drei Becher. So ganz hab ich das Kind in mir noch nicht weg, ein Schuss Milch muss schon sein. Was mir nur Sorgen macht: Ich hab mit einem Glas angefangen … Wenn ich so weitermache, hole ich Omma noch ein!     Nachtrag: Wie man den Kaffeekonsum klammheimlich steigert, kann man in meinem kleinen Ratgeber zur Kaffeesucht lesen. […]

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